Arbeit ist scheiße! „Alles Routine“ und das Unternehmen im Spätkapitalismus

Arbeit ist scheiße! „Alles Routine“ und das Unternehmen im Spätkapitalismus

Was ist ein Bullshit Job? In seinem gleichnamigen Essay von 2013 definiert der Ethnologe David Graeber den Begriff noch vergleichsweise generös: Bullshit sind nur diejenigen Jobs, die all die, die ihn selbst ausüben (müssen) als absolut sinnlos empfinden. Denken wir an all die Berater, Koordinatoren und PR-Menschen, deren elitärer Habitus nicht nur beruflichen Sinn, sondern gar Relevanz verspricht, obwohl die Tätigkeiten, denen sie nachgehen meist in 15-minütigen Skype-Konferenzen abgehandelt werden könnten, sehen wir: Die Grenze für Bullshit ist verdammt niedrig gesetzt. Und trotzdem bewegen sich die Protagonisten in Alles Routine mit stoischer Apathie in ihr.

Würfelförmige Bullshit-Jobs

Sie bevölkern die gleichen Büro-Cubes, die einen in ihrer aufreizenden Gleichförmigkeit in jedem Film unmittelbar an das fukuyamische Ende der Geschichte katapultieren: In den kritischen Film der End-Neunziger. Er kommt ohne sie nicht aus. Ob Kevin Spacey in American Beauty, John Cusack in Being John Malkovich, Edward Norton in Fight Club oder Keanu Reeves in Matrix, die Helden der Kapitalismuskritik „Made in Hollywood“ versuchen alle dem gleichen Grau-in-Grau der Etagen-Büros zu entkommen. Steht Neo im cyberpunkigen Meisterwerk der Wachowskis anfangs noch Agent Smith in den Gängen gegenüber, versteckt sich Ron Livingston in Alles Routine vor wesentlich weniger futuristischen Antagonisten: Seinen Chefs.

Und von denen gibt es ganze acht. Acht weiße, schlipstragende Mittvierziger, deren Auftreten und Optik, das ohnehin schon rassistische Klischee, alle Asiaten würden gleich aussehen, noch weiter ins Absurde treibt. Acht Männer, die alle das gleiche tun, die gleichen Memos verschicken, das Ankommen der gleichen Memos überwachen. Es ist ein nahezu kafkaesker, bürokratisierter Albtraum ganz im Sinne Hannah Arendts: Die Herrschaft von niemandem. Niemand kann zu Verantwortung gezogen werden.

Es ist die cineastische Inszenierung von dem, was Mark Fisher einst als „Anti-Produktion“ beschrieb: Wo in Paul Schraders Blue Collar noch der Kampf am Fließband der 1970er-Jahre im Fokus stand, der Clash zwischen Managern und Gewerkschaften, ist in Alles Routine alles eingehegt in „smarte“ Arbeitsweisen und Pseudo-Informationen, transportiert in Form von Memos, die üblicherweise bürokratische Praxen zum Inhalt haben, deren Sinn auch den Machern meist verborgen bleibt. Managerialismus und stille Autorität.

Keine Leistung, nirgendwo

Schließlich folgt die kleine Rebellion gegen das Unternehmen, das im Film Initech heißt und in unserer Realität zahlreiche Artverwandte besitzt. Drei Mit(nicht-)arbeiter haben aus unterschiedlichen Gründen genug. Zwei sollen gefeuert werden, obwohl sie ihre Arbeit machen, dem anderen winkt Beförderung, trotz ewiger Nicht-Präsenz. Klug wird gezeigt: Mit ideal-kapitalistischer Ideologie, gar Leistung hat all das nichts mehr zu tun. Es ist nicht mehr als der Eindruck, das Image, die Fassade, die in der würfelförmigen Welt des Großraumbüros zählt.

Die drei Männer, die nicht gerade wie klassische Revolutionäre daherkommen, wollen nun Geld abzweigen, um endlich nicht mehr „arbeiten“ zu müssen. Und schallt ihnen dabei die bürgerliche Moral entgegen – das sei doch Diebstahl! – erwidert der Film in Gedanken an Brechts berühmten Satz über Banken: Was ist schon das Bestehlen eines Großraumbüros gegen das Eröffnen von einem. Nicht Individuen, Strukturen sind der Feind.

Und wäre das alles, wir hätten einen klugen, guten, humorvollen Film gesehen. Aber genau an dieser Stelle, geht Mike Judge noch weiter und stellt dem mittlerweile altbacken daherkommenden Büro das hippe Café entgegen, das noch heute die Straßenzüge soon-to-be gentrifizierter Stadtviertel dominiert. Es ist der Ort, an dem Jennifer Aniston arbeitet. Der Office Space weicht buntem Hipster-Chic, sonst aber bleibt vieles gleich. Das Chamäleon der kapitalistischen Ausbeutung hat lediglich die Form gewechselt. Zu Individiualität statt Einheitsgrau.

Unsichtbare Bürokratien, verinnerlichte Zwänge

Die Mitarbeiter müssen hier 15 eigens gewählte „Flair-Buttons“ tragen, um ihre „Individualität“, ihre „Kreativität“ auszudrücken. Um das passende Inventar für ein totalitäres Ambiente der Pseudo-Selbstverwirklichung zu mimen. Joanna, eine Kellnerin, trägt genau 15 dieser Button, als ihr vom Chef – natürlich in gewaltfreier Kommunikation – mitgeteilt wird, das 15, nunja, eigentlich nur das Minimum seien. Auf ihre Frage, warum man die offizielle Richtlinie dann nicht auf 30 setze, entgegnet ihr postmoderner Chef, dass erwartet wird, sich einzubringen als Mitarbeiterin: „Oder wollen sie als die Sorte Mensch erscheinen, die nur das absolute Minimum tut?“ Es ist die Pseudo-Entbürokratisierung, die im Neoliberalismus am Ende aber meist nicht mehr meint, als die Verschiebung von Kontrolle von externen Instanzen direkt hinein in den Arbeiter an sich. Zu sehen ist hier der Shift von der foucaultschen Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft nach Gilles Deleuze. Mark Fisher schreibt hierzu:

Dieses Syndrom wird vielen Arbeitnehmern bekannt vorkommen – eine „befriedigende“ Bewertung in einer Evaluation ist nicht länger „befriedigend“. […] Auf den ersten Blick mag es mysteriös wirken, dass sich bürokratische Maßnahmen unter neoliberalen Regierungen intensiviert haben, die sich zunächst anti-bürokratisch und anti-stalinistisch geben. Aber neue Formen der Bürokratie – „Ziele und Zielvorgaben“, „Ergebnisse“, „Leitlinien“ – wuchern weiter, selbst als die neoliberale Rhetorik über das Ende einer zentralisierten Kontrolle nach dem Top-Down-Prinzip eine neue Vormachtstellung für sich beanspruchte.

Er fährt fort:

Es scheint, als wäre die Bürokratie eine Art Rückkehr des Verdrängten, die ironischerweise im Herzen eines Systems wieder auftritt, das eigentlich dazu angetreten ist, sie zu zerstören. Aber das Wiederauferstehen der Bürokratie im Neoliberalismus ist kein Atavismus oder bloß eine Anomalie.

Und genauso wenig, wie ein realer Abbau bürokratischer Praxen erfolgte, wurden auch keine hierarchischen Machtstrukturen gelockert. Der Chef im urbanen Café ist nicht mehr, als der postmoderne Vater in Slavoj Žižeks bekannter Analogie, nach der hinter jedem Vater, der seinem Kind die (scheinbare) Wahl ermöglicht und Sätze wie „Es ist egal, ob du Oma besuchst, aber du weißt, lange leben wird sie wohl nicht mehr“ von sich gibt, nicht die Auflösung, sondern die Verschleierung von Macht steht. Jedes Kind weiß, dass hier keine Wahl besteht, sondern der klassische Imperativ des „Tu es“ lediglich durch einen ungleich stärkeren Imperativ des „Tu es – und zwar freiwillig“ ersetzt wurde.

Und auch Jennifer Aniston lernt diese Lektion in Alles Routine über ihren kumpelhaften Chef. Traue ihm nicht. Betrachte die neue Tischtennisplatte im Pausenraum nicht als Privileg, sondern als Verwischung der Grenze zwischen Arbeits- und Privatsphäre. Erkenne, dass „Flexibilität“ meist nicht mehr als eine Codierung von „Immer-Verfügbarkeit“ ist. Merke, dass Freiwilligkeit nur Selbstausbeutung meint und „gewaltfreie Kommunikation“ nichts mit Pazifismus zu tun hat. Und zersetze das System von innen. Alles Routine ist nach wie vor ein bemerkenswert aktueller Film.

„Falling Down“: Warum Idelogiekritik?

„Falling Down“: Warum Idelogiekritik?

Falling Down ist ein unterschätzter Film – handwerklich großartig, inhaltlich brilliant. Wir sehen Michael Douglas in seiner besten Rolle: Ein relativer Durchschnittstyp, kurz vor der Explosion. Irgendetwas stimmt nicht. Seine Familie darf er nicht mehr sehen, in seinem Job wird er nicht wertgeschätzt, die Versprechen des amerikanischen Traums werden schon lange nicht mehr eingelöst. Joel Schuhmacher zeigt uns einen Menschen, der das eigene Abrutschen bemerkt, nicht aber in der Lage ist, die strukturellen Ursachen dafür sehen. Seine Wut schlägt stattdessen stets nach unten aus.

In einem der ersten Wegpunkte des Films sehen wir den Protagonisten, William Foster, einen Kiosk betreten. Er möchte Geld wechseln, um seine Tochter anzurufen. Der Ladenbesitzer jedoch verweigert ihm dies. Zuerst müsse er etwas kaufen. Ein bezeichnende Szene. Während Foster wütender und wütender wird und handelt, bemerkt er nicht, dass der Verkäufer und er nur zwei Seiten der gleichen Medaille darstellen. Er pocht auf seine Rechte als Konsument, der Verkäufer braucht Geld, um sein eigenes Überleben im Kapitalismus zu sichern. Doch der Konflikt wird im Privaten ausgetragen, die systemische Ursache benennt hier niemand.

Doch Foster ist keineswegs allein. Sein Antagonist im Film, Detective Prendergast, ist überhaupt keiner. Auch er wird Stück für Stück von einer menschenverachtenden Welt verschluckt. Seine Frau ist depressiv, seinen Job möchte er daher aufgeben. Und dennoch wird er bis zum letzten Tag von seinem Chef drangsaliert, durch die geißende Hitze der Stadt gescheucht, niemals wertgeschätzt. Schaut man genauer hin, erkennt man: Eigentlich sind Foster und Prendergast gespiegelt. Lediglich der Ausbruch bleibt Letzterem verwehrt.

Zu häufig wird Falling Down nachgesagt, er propagiere im Grunde genommen eine Art rassistisches Denken. In dieser Lesart sehen wir einen weißen Mann der bürgerlichen Mittelschicht, der die Anderen – meistens Ausländer – dafür verachtet, dass sie sich nicht so verhalten, wie er es wünscht. Schlimmer missverstehen könnte man einen Film wohl kaum. In einer Gegenwart des Rechtsrucks, der populistischen Ideotie, sollten wir genau hinschauen, wenn der abgehängte Michael Douglas dem überzeugten Rassisten, der sich mit ihm verbrüdern möchte, in Gesicht hält: „Ich bin Amerikaner und sie nur ein krankes Arschloch!“ Jene Szene sollten wir uns ins Gedächtnis rufen, wenn wir einmal mehr dazu neigen, die Abhängten, die Frustrierten, als lupenreine Rassisten zu bezeichnen. Falling Down sagt uns nicht, dass wir derlei Rückwärtsgewandtheit gutieren oder akzeptieren sollen, sondern vielmehr die systemische Ursache anerkennen müssen. Oder um es mit Horkheimer zu sagen: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“

Am Ende des Films bleibt Fosters Widerstand ein deprimierender. Verändert wurde nichts, sein Tod ist ein vollkommen sinnloser. Wir leben in einer Zeit, in der blindes Handeln nicht nur vergebens scheint, sondern den Status Quo sogar noch zementiert. Solange uns all unsere Probleme als unsere ganz eigenen erscheinen und wir nicht in der Lage sind die strukturellen Ursachen zu konfrontieren, sind auch auch wir zu einem Dasein zwischen Passivät oder blind-wütendem Widerstand verdammt. Falling Down sagt uns zunächst vor allem erst einmal eines: Don’t Act. Think!