Anti-Western: »Nomadland« von Chloé Zhao

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Auch nach dem tollen Vorgängerwerk The Rider bleibt Chloé Zhao mit Nomadland in vielerlei Hinsicht dem Western-Genre treu. Die wundervollen Einstellungen der Weiten des US-amerikanischen Inlands, die Menschen „on the road“ und das Freiheitsideal, das ihnen kulturell überliefert wird sind auch hier zentral. Trotzdem ist Nomadland kein Western, sondern vielmehr das Werk, das zeigt, was nach über einem Jahrhundert kapitalistischer Landerschließung an Trümmern übrig bleibt: Der Einsamkeit ausgelieferte Menschen, für die sich die Gesellschaft nicht mehr interessiert. Menschen, die unter die Räder eines bedingungslos am Profit ausgerichteten System geraten sind – gesundheitlich, finanziell, existenziell.

Versuchte der klassische Western den von Freiheit und Pioniergeist beseelten idealen Amerikaner unter das Volk zu bringen, ist Nomadland genau hierfür eine Art ideologisches Gegengift: Pioniergeist und Freiheit sind hier höchstens noch weltanschauliche Fantasien hinter denen der Zwang zur Mobilität und zum lebenslangen Arbeiten stehen, da die Rente weder für die Miete noch für ein Leben in Würde reicht.

Nomadland ist ein wunderschöner, ruhiger Film, der von einer tiefen Empathie für seine Figuren und einem bedingungslos humanistischem Anliegen getragen wird. Ein Film, der jedoch anhand des Schicksals seiner Protagonisten ebenso schonungslos zeigt, dass das System, in dem wir leben, für die Vielen nach wie vor ein unmenschliches ist.